Filmarchiv

Lust zu stöbern? Hier finden Sie Filme, die seit Januar 2001 im Cinema Quadrat gezeigt wurden.

Die Außenseiterbande - Bande à part

FRA

1964

Jean-Luc Godard

Anna Karina, Sami Frey, Claude Brasseur

Franz, Arthur und Odile wollen Geld stehlen: Odile, die als Au-Pair-Mädchen arbeitet, weiß, wo das Bargeld ihres Hausherrn versteckt ist. Arthur macht sich an Odile ran, zu Dritt genießen sie Paris, brausen im Cabrio umher und rennen in Recordzeit durch den Louvre – um dann, wenn es ernst wird, an einer verschlossenen Tür zu scheitern. Und an einem ziemlich guten Versteck für das Geld.
In dieser Pop-Ballade über das Abenteuer der Jugend und des jungen Lebens widmet sich Godard parodistisch der amerikanischen Pulp-Kultur und dem B-Film: Auf Grundlage eines Trivialromans übersetzt er die simple Geschichte in ironisches Kino, mit einer Fülle visueller, akustischer und erzählerischer Gags. „Eine sehr einfallsreiche Komödie, zugleich wohl Godards heiterstes und am leichtesten zugängliches Werk.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Geschichte Der Nana S.

Frankreich

1962

Jean-Luc Godard

Anna Karina, Sady Rebbot

Die großartige Anna Karina, von 1961 bis 1967 mit Godard verheiratet, spielt eine junge Pariserin, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann und deswegen zur Prostituierten wird. Ihre Versuche, sich ihre Würde zu bewahren, sind vergeblich. Der durch Zwischentitel in zwölf Kapitel gegliederte Film ist Godards erster Versuch, die bis dahin übliche Film-Erzählung durch einen Film-Essay zu ersetzen. Die häufige Diskrepanz zwischen Bild und Ton sowie das scheinbar willkürliche Nebeneinander gegensätzlicher Stilmittel hält den Zuschauer auf Distanz und zwingt ihn, mitzudenken statt mitzufühlen. „Es ist eine meiner grundlegenden Vorstellungen, dass man, um in der Pariser Gesellschaft von heute zu leben, gezwungen ist, auf welchem Niveau auch immer, sich auf die eine oder andere Weise zu prostituieren oder nach Gesetzen zu leben, die denen der Prostitution ähneln.“ (Godard)

Die Verachtung

ITA/FRA

1963

Jean-Luc Godard

Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Fritz Lang

Als der Krimiautor Paul Javal das lukrative Angebot bekommt, Fritz Langs (gespielt von sich selbst) stockendes "Odyssee"-Projekt zu überarbeiten, nimmt er die Möglichkeit eines Karriereschubs dankend an. Allerdings bahnen sich erste Spannungen an, als der Produzent Javals bildschöne Ehefrau Camille kennenlernt. Sofort lädt er sie in seinem Cabrio zu Fahrten ans Filmset ein, während sich Paul mit der Assistentin ein Taxi teilen muss. Camille, zunächst unangenehm berührt von den Avancen, will den Gönner ihres Mannes allerdings auch nicht beleidigen. So entwickelt sich zunehmend ein zerstörerisches Spiel aus Liebe, Gedanken und der Macht der Eifersucht…
Veranstaltungsort: zeitraumexit/Hof, Hafenstraße 68, 68159 Mannheim
Bei schlechtem Wetter im zeitraumexit-Gebäude
Eintritt: regulär 7 Euro/ermäßigt und Mitglieder 5 Euro
Beginn 21:00 Uhr, Einlass ab 20:00 Uhr, Filmstart mit Einbruch der Dämmerung

Die Verachtung – Le mépris

FRA

1963

Jean-Luc Godard

Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Fritz Lang, Jack Palance, Giorgia Moll

Als der Krimiautor Paul Javal das lukrative Angebot bekommt, das stockende Projekt einer „Odyssee“-Verfilmung durch Fritz Lang zu überarbeiten, nimmt er die Möglichkeit eines Karriereschubs dankend an. Allerdings bahnen sich Spannungen an, sowohl gegenüber dem Filmproduzenten wie auch gegenüber seiner bildschönen Ehefrau Camille.
Der opulente, starbesetzte Film ist eine raffinierte, vielschichtige Satire auf das Filmgeschäft, mit dem legendären Regisseur Fritz Lang in der Rolle des legendären Regisseurs Fritz Lang, der von seinen Geldgebern zu künstlerischen Kompromissen gezwungen wird. Und er ist ein fast essayistisches Drama um den nahezu unversöhnlichen Konflikt zwischen ästhetischem Anspruch und künstlerischer Wahrhaftigkeit einerseits und den ökonomischen Zwängen und Abhängigkeiten andererseits, im Film wie in der Liebe zwischen Paul und Camille.
Ein auf der Handlungsebene schlichter, beinahe belangloser Film, der seinen inszenatorischen Reichtum aber in einer Vielzahl von Zitaten und Anspielungen, Dopplungen und Brechungen offenbart und damit zu einem faszinierenden Dokument unermüdlicher (Selbst-)Reflexion wird.“ (Lexikon des internationalen Films)

Le Mépris

F / I

1963

Jean-Luc Godard

Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Fritz Lang, Jack Palance, Giorgia Moll, Jean-Luc Godard

Der deutsche Regisseur Fritz Lang (gespielt von sich selbst) soll in Italien Homers „Odyssee“ verfilmen. Er überwirft sich darüber mit seinem amerikanischen Produzenten. Der Produzent engagiert den französischen Drehbuchautor Paul Javal, der das Skript umschreiben soll. Paul Javal nimmt den Auftrag an und wird dafür, daß er seine künstlerischen Überzeugungen verrät, mehr und mehr von seiner Frau Camille verachtet. Godard ging es bei seinem opulenten Film mit Starbesetzung um den nahezu unversöhnlichen Konflikt zwischen künstlerischer Wahrhaftigkeit und ökonomischen Zwängen. LE MÉPRIS reflektiert zugleich seine eigene Entstehungsgeschichte: Produzent Carlo Ponti bestand mit Blick auf das breite Publikum darauf, daß die Verfilmung des Romans von Alberto Moravia konventionellen Erzählweisen folgt. Diese Zwänge hinderten Godard jedoch nicht daran, die ihm eigenen Stilmerkmale in abgeschwächter Form beizubehalten. So wird die lineare Erzählung durch die Montage von „Fremdbildern“ aufgebrochen, den beiden Handlungssträngen werden durch literarische Zitate und filmhistorische Anspielungen neue Bedeutungen zugewiesen, die Akteure sprechen vier Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch) und die Übersetzerin liegt stets ein wenig daneben. Selbst die Nacktszenen von Brigitte Bardot, die Godard nachträglich in den Film einfügen mußte, verfremdete er durch den Einsatz von roten und blauen Farbfiltern.

Le Mépris - Die Verachtung

F/I

1963

Jean-Luc Godard

Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Fritz Lang

Ein deutscher Regisseur soll Homers „Odyssee“ verfilmen und überwirft sich darüber mit seinem Produzenten, parallel dazu kommt es zum Konflikt zwischen dem Drehbuchautor und seiner Frau. Godard ging es bei seinem opulenten Film mit Starbesetzung um den nahezu unversöhnlichen Konflikt zwischen ästhetischem Anspruch und künstlerischer Wahrhaftigkeit einserseits und den ökonomischen Zwängen und Abhängigkeiten andererseits.

Lemmy Caution gegen Alpha 60 – Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution

FRA

1965

Jean-Luc Godard

Eddie Constantine, Anna Karina, Michel Delahaye, Howard Vernon

Zukunftsvision in den 1960ern: Geheimagent Lemmy Caution kommt 1990 als Reporter getarnt in die totalitäre Metropole Alphaville, um einen vermissten Agenten aufzuspüren. Die Stadt steht unter der Kontrolle von Professor von Braun. Dieser hat den Computer Alpha 60 entwickelt, der Ideen wie Gefühle oder Bewusstsein konsequent – und tödlich – der Logik unterordnet. Caution verliebt sich in von Brauns Tochter. Ihre Gespräche über Poesie und Liebe verwirren Alpha 60…
Eddie Constantine war als Lemmy Caution Star einer Reihe von Spionagefilmen der 1960er – Godard macht sich diese Groschenroman-Figur zunutze, um Thriller- und Science-Fiction-Stereotype zu unterlaufen und mit der Zeitkritik der Nouvelle Vague zu verbinden. Auf intelligente Weise mischt Godard Science-Fiction- und Film-noir-Motive, ohne Spezialeffekte zu nutzen: Er filmte in den modernen Vierteln von Paris mit ihren Glas- und Betonfassaden und ihren Neonreklamen, verfremdet mit Licht und Schatten – bereits die Gegenwart ist voller Schrecken, da die Maschine den Menschen immer mehr zurückdrängt. Für diese formal wie gedanklich eindrucksvolle filmische Reflexion, die eine mögliche Befreiung durch die Liebe und die Poesie zeigt, gewann Godard den goldenen Berlinale-Bären.

Passion

FRA /CH

1982

Jean-Luc Godard

Alain Delon, Jacques Dacqmine, Roland Amstutz, Isabelle Huppert, Hanna Schygulla

Jerzy ist gerade dabei, Rembrandts „Nachtwache“ zu filmen. Godard beginnt mit diesem Gemälde, da es sich dabei um eines der berühmtesten Beispiele ausgeklügelter Lichtdramaturgie, das die Geschichte der Malerei zu bieten hat, handelt. Was ihn antreibt, ist dessen Neuschöpfung, allerdings in filmischen Kategorien. An die Stelle des fixen Blickpunktes, den der Maler einnimmt, tritt die bewegliche Kamera. Rembrandts Figuren werden aus ihren starren Posen erlöst; sie beginnen zu atmen und sich zu bewegen.

Pierrot Le Fou

FRA/ITA

1965

Jean-Luc Godard

Jean-Paul Belmondo, Anna Karina, Jean-Pierre Leaud

Eine langweilige Party ist für Ferdinand der Anlass, sein eingefahrenes Leben an der Seite seiner reichen Ehefrau aufzugeben und mit seiner ehemaligen Geliebten Marianne einen Neubeginn zu wagen. In ihrer Wohnung taucht jedoch eine Leiche auf, mit der sich die kriminelle Vergangenheit Mariannes zurückmeldet. Nach der Flucht durch Frankreich scheinen die beiden auf einer einsamen Insel im Süden Ruhe zu finden, doch sie brechen bald wieder auf und laufen ehemaligen Freunden Mariannes in die Arme…

A Bout De Souffle

Jean-Luc Godard, B François Truffaut

Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Jean-Pierre Melleville

Der Kleinkriminelle Michel erschießt einen Gendarmen und flieht nach Paris. Hier lernt er die amerikanische Studentin Patricia kennen und beginnt mit ihr eine leidenschaftliche Affäre. Godard schuf mit seinem Spielfilmdebüt einen Meilenstein der Filmgeschichte und den Prototyp der Nouvelle Vague. Ein cooles Pärchen, das ein neues Lebensgefühl ausdrückt, eine ungewohnte Schnitt-Technik, der Einsatz einer Handkamera und Dialoge, bei denen nur einer der Partner zu sehen ist, sorgten für Furore. Jean-Paul Belmondo als Schmalspurganove, der seine Gesten im Kino gelernt hat und die wunderschöne Jean Seberg als Zeitungen verkaufende Studentin wurden durch ihre Rollen über Nacht zu Stars.

Vorname Carmen – Prénom Carmen

FRA

1983

Jean-Luc Godard.

Maruschka Detmers, Jacques Bonnaffé, Myriem Roussel, Jean-Luc Godard

Jean-Luc Godard spielt Jean-Luc Godard: Einen einstmals großen Regisseur, der nun in der Psychiatrie sitzt und von einem großen Beethoven-Film träumt. Seine Nichte Carmen luchst ihm den Schlüssel für sein Haus am Meer ab, angeblich für ein Filmprojekt, tatsächlich für einen Überfall. Der geht schief, Carmen verliebt sich ein einen Polizisten und hat einen neuen Coup vor: Entführung getarnt als Filmdreh im Luxushotel. Onkel Jeanot, der Carmen begehrt, soll (scheinbar) Regie führen…
Entlang von Beethoven-Streichquartetten und lose angelegt an den „Carmen“-Stoff konstruiert Godard eine wilde Story um terroristische Verbrechen, amour fou, erotische Fantasien, vorgetäuschte Dreharbeiten; und fügt ein selbstironisches Statement zur Stellung des Künstlers als alter Mann hinzu. Ab 1968 hatte sich Godard dem Anti-Film verschrieben, in den 1970ern mit dem neuen Video-Medium experimentiert, Anfang der 1980er kehrte er – erfolgreich – zum Kino zurück: „Widerstands-Werke eines Monomanen, der zertrümmern muss, um hervorzubringen, eines Puritaners, der dem am tiefsten misstraut, was ihn am stärksten fasziniert, den Bildern und Wörtern.“ (Urs Jenny im Spiegel, 1984). VORNAME CARMEN erhielt den Goldenen Löwen von Venedig.

Au plus profond de la nuit – Wenn die Nacht am tiefsten

FRA

2011

Jean-Marc Bordet

Der Film AU PLUS PROFOND DE LA NUIT – Die letzten Zeugen des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof“ ist Teil der Reihe „Die letzten Zeugen der Resistance und der Deportation“. Diese Reihe wurde von Jean-Marc Bordet in Burgund entwickelt, um die Aussagen der Frauen und Männer, die diese Zeit erlebt haben, zu bewahren und weiterzugeben. Die ihnen gemeinsame Ablehnung eines Frankreich unter dem Joch der Nazi-Besatzung und der Vichy-Regierung hat ihre Taten bestimmt. Diese Frauen und Männer beschreiben ihre Erlebnisse, Ansichten und Gefühle. Sie leisten einen unersetzlichen Beitrag zur Arbeit des Gedenkens, zur Geschichtsschreibung und zur deutsch-französischen Aussöhnung.
In Kooperation mit dem Stadtarchiv, mit Einführung

Ferien In Der Heimat

Kamerun/Frankreich/BRD

2000

Jean-Marie Téno

In seinem Dokumentarfilm begibt sich Jean-Marie Téno auf die Reise durch sein Land Kamerun, durch seine eigene Geschichte und die Geschichte seines Landes. Er wiederholt dreißig Jahre später die gleiche Reise, die er als Kind zu Beginn der Schulferien antrat: von der großen Stadt Yaoundé, wo er das Gymnasium besuchte, nach Bandjoun, in sein Heimatdorf. Auf seiner Reise begegnet er Menschen, die er nach den Hoffnungen und Enttäuschungen befragt, die ihnen die Veränderungen der vergangenen dreißig Jahre gebracht haben. Er versucht die sich auftuende Kluft zwischen Städtern und Dorfbewohnern zu überbrücken. VACANCES AU PAYS reflektiert auf persönliche Weise die afrikanische Obsession von Modernität.

Peter Lindbergh – Women’s Stories

DEU

2019

Jean-Michel Vecchiet

Peter Lindbergh zählt zu den größten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Ihm gelang es, Frauen wie Naomi Campbell, Linda Evangelista oder Cindy Crawford unter einem völlig anderen Blickwinkel abzubilden und sie zu den größten Topmodels der Welt zu machen. Peter Lindbergh verstarb wenige Monate nach der Berlinale-Premiere dieses einfühlsamen Films, der ihn porträtiert von seiner Kindheit – die geprägt war von den Spuren des Zweiten Weltkriegs – bis hin zu dem Starfotografen, der von den größten Marken weltweit gebucht wurde. Neben außergewöhnlichen Einblicken in Lindberghs tägliche Arbeit erzählt Regisseur Jean-Michel Vecchiet eine sehr persönliche und emotionale Lebensgeschichte, die grundlegende Fragen aufwirft: Wie und warum wird man zum Künstler? Woher kommt diese kreative Kraft, die jeder Logik trotzt und sich der Analyse widersetzt?
Mit Einführung von Prof. Dr. Claude W. Sui, Reiss-Engelhorn-Museen

Cyrano de Bergerac

FRA

1990

Jean-Paul Rappeneau

Gérard Depardieu, Anne Brochet, Vincent Perez, Jacques Weber

Paris, 1640: Cyrano de Bergerac ist hochdekorierter Hauptmann, ein Meister im Fechten, ein Poet mit spitzer Zunge – und er hat eine enorme Nase. So sehr er gegenüber dem Feind seinen Mann steht: Der Riesenzinken in seinem Gesicht hemmt ihn. Denn er ist unsterblich in Roxane verliebt, hat sich ihr aber nie zu nähern gewagt aus Angst vor einer schnöden Abweisung. Zudem ist Roxane in Christian verliebt, der in Cyranos Truppe dient. Freilich will Roxane von Christian geistreich umworben werden – doch dem geht jeder Sinn für Poesie ab. Also schreibt Cyrano de Bergerac in Christians Namen kunstvolle Liebesbriefe an Roxane …
In einer seiner unsterblichen Rollen verkörpert Gérard Depardieu diesen selbstlosen Helden des Kampfes und der Dichtkunst in einem opulent inszenierten Historiendrama – stilecht mit Dialogen in Versform.
Einführung: Dr. Inge Beisel, Romanisches Seminar Universität Mannheim

Der Sohn

Belgien / Frankreich

2002

Jean-Pierre & Luc Dardenne

Olivier Gourmet, Morgan Marinne

LE FILS erzählt von der Begegnung zwischen Olivier, dem Tischlermeister eines Ausbildungszentrums, und Francis, einem 16-jährigen neuen Lehrling, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Während man der enorm beweglichen Handkamera folgt, die Olivier hartnäckig auf den Fersen ist, schleicht sich das Drama allmählich heran. Zu sehen sind zwei Körper, getrennt und gleichzeitig angezogen durch etwas, von dem man nichts weiß. Das Verhältnis der Figuren, ihr Abstand, der ihre Haltung zueinander widerspiegelt, wird exakt vermessen. Gesten, Blicke, Worte – alles ist dazu da, die Entfernung zwischen den beiden auszuloten, und die Macht des Geheimnisses, das die beiden verbindet, zu erkennen. Der jüngste Film der Brüder Dardenne ist Kino von höchster Präzision und zeichnet das minutiöse Abbild einer bestimmten Art zu arbeiten, zu leben und zu denken. Jean-Pierre und Luc Dardenne sind im derzeitigen Kino die Erben des großen Neorealisten Roberto Rossellini. Uneitel suchen sie die Intensität im Alltag, dort, wo sie ihn am besten kennen: in den Lebenswelten der Arbeiterklasse nahe ihrer Heimatstadt Liège. Hauptdarsteller Olivier Gourmet erhielt 2002 in Cannes den Preis als Bester Darsteller.

Lornas Schweigen

BEL

2009

Jean-Pierre & Luc Dardenne

Arta Dobroshi, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione

Die junge Albanerin Lorna hat durch ihre Scheinehe mit dem Junkie Claudy, eingefädelt vom kriminellen Fabio, den Anspruch auf die belgische Staatsbürgerschaft. Doch dann trifft Fabio einen reichen Russen, der eine Heirat mit Lorna großzügig honorieren würde. Mit dem Deal könnte Lorna sich einen Lebenstraum erfüllen. Doch Claudy braucht ihre Hilfe. Ist ein Menschenleben so viel wert wie ein besseres Leben in Mitteleuropa? Lorna sucht, gefangen in ihren Verhältnissen, einen Ausweg… Vorgestellt von Gisela Krauss.

Das unbekannte Mädchen

BEL/GRA

2016

Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Adèle Haenel, Olivier Bonnaud, Jérémie Renier, Louka Minnella

Jenny Davin, Ärztin, öffnet die Tür nicht, als eine junge Frau klingelt. Am nächsten Tag wird die Leiche einer unbekannten Immigrantin gefunden. Hätte Jenny helfen können? Ist es ihre Schuld? Kann Jenny irgendetwas wiedergutmachen? Jenny will herausfinden, wer die Tote ist – Adèle Haenel, aufkommender französischer Filmstar, zeigt in kleinsten Regungen eine beeindruckende Leistung. Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die preisgekrönten Meister des sozial engagierten Kinos, konzentrieren sich auf die moralische Frage eines möglichen Versäumnisses mit tödlichen Folgen – eine effiziente Mischung aus Drama und Krimi, das die Lebensbedingungen derer erforscht, die abgehängt wurden oder unter die Räder gekommen sind.

Der Junge mit dem Fahrrad

BEL/FRA/ITA

2011

Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Thomas Doret, Cécile de France, Jérémie Renier

Der zwölfjährige Cyril sucht seinen Vater, der ihn auf unbestimmte Zeit in einem Kinderheim untergebracht hat. Doch der Vater ist aus der Wohnung ausgezogen; auch Cyrils Fahrrad ist verschwunden. Bei seiner verzweifelten Suche trifft er auf Samantha, Besitzerin eines Friseursalons, die sich bereiterklärt, ihn an den Wochenenden bei sich aufzunehmen. Zunächst allerdings ist Cyril kaum in der Lage, die Liebe anzuerkennen, die Samantha ihm entgegenbringt; dabei ist es gerade diese Liebe, die Cyril am nötigsten hat, um seinen Zorn zu besänftigen.
In ihrem Sozialdrama um ein emotional gebeuteltes Kind stellen die Dardenne-Brüder liebevolle Güte als Mittel im Heilungsprozess einer verwundeten jungen Seele dar; ihr Film wurde in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Referent*innen: Regine Schmidt, Alexandre Métraux

Tori & Lokita

BRL

2022

Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne

Pablo Schils, Joely Mbundu

Die 16jährige Lokita und der elfjährige Tori, eingewandert aus Afrika, geben sich in Belgien als Geschwister aus, für die illegal eingereiste Lokita die einzige Chance auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Sie werden – als Wahlgeschwister – unzertrennlich, arbeiten in einer billigen Trattoria, verkaufen nachts für den Koch Drogen. Als die Behörden einen DNA-Test anordnen, lassen sie sich auf einen Deal ein: Gegen das Versprechen von Aufenthaltspapieren für Lokita kümmern sich um eine Cannabisplantage.
Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, mehrfach mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, erhielten für ihr zwölftes humanistisches Sozialdrama den Sonderpreis von Cannes: Sie beschreiben eine innige Freundschaft im Strudel aus Not und Kriminalität, und sie mahnen, nicht wegzuschauen, sondern das Elend der Geflüchteten zu sehen.

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